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Kategorie: Huningue

+++ 25. September 2013 +++

Giftiger Lindan- und Lindanabfallstaub in der Basler Luft

Messergebnisse zeigen: Novartis kontaminiert die Stadt grossflächig

Karte mit MessresultatenSeit Monaten tritt hier Giftstaub aus - Sanierungsgelände von Novartis in Huningue (F). Foto Dave Joss

Novartis lässt die Basler Bevölkerung gefährlichen Giftstaub atmen: Bis zu 94 Mikrogramm des verbotenen Insektizids Lindan sowie von Lindan-Abfallstaub gingen von Ende August bis Anfangs September 2013 im unteren Kleinbasel nieder. Der Staub, der als «giftig beim Einatmen» beurteilt wird, lag selbst bei der Mittleren Brücke im Zentrum Basels in der Luft. Dies zeigen die Analysen von Staubfängern, die der Altlastensspezialist Martin Forter an sechs Standorten in der Stadt Basel aufgestellt hatte. Das verbotene Gift in der Basler Luft stammt von einem Novartis-Sanierungsgelände in Huningue (F). Novartis aber will dort nur eine «Eindämmung der Staubemissionen» erreichen. Deshalb fordern die beiden GrossrätInnen Heidi Mück (Basta) und Daniel Goepfert (SP) von Novartis einen Baustopp. Denn die Giftstaub- Emissionen gefährden auch das Trinkwassergebiet in den «Lange Erlen».

Das Amt für Umweltschutz Basel-Stadt (AUE) Basel-Stadt und das Lufthygieneamt beider Basel (LHA) waren vom Novartis-Giftstaub aus Huningue (F) überrascht. Noch anfangs September liess AUE-Chef Jürg Hofer mitteilen: «Bis jetzt haben wir keine konkreten Hinweise auf Staubemissionen». Woher sollen sie auch kommen, die konkreten Hinweise, wenn es beide Ämter die letzten Monate verpasst haben, eine Kontrolle der Basler Luft auf Giftstaub aus Huningue durchzuführen? Darum verfügen die Behörden heute über keinerlei Messungen zur Belastung der Luft mit Lindan- und Lindan-Abfallstaub der letzten Wochen und Monate. Dieser Mangel hinderte das AUE allerdings nicht daran, Entwarnung zu geben. Dazu mussten zwar im Moment nicht relevante Bodenwerte herhalten. Aber der Trick wirkte. Am nächsten Tag titelte «20 Minuten» Basel prompt: «Giftgruben-Staub ist ungefährlich». Davon aber kann keine Rede sein, wie Messungen des Staubniederschlags des Basler Altlastenspezialisten Dr. Martin Forter zeigen, die er heute auf www.martinforter.ch veröffentlicht hat.

In 20 Tagen bis zu 96 Mikrogramm Giftstaub-Niederschlag pro Quadratmeter

Forter, der anfangs September auf mögliche Staubemmissionen von Novartis in Huningue hinwies, hat sechs Staubfänger aufgestellt. Damit hat er von Mitte August bis anfangs September den Lindan und Lindan-Abfall-Niederschlag aus der Basler Luft gemessen. So gingen im Basler Quartier Klybeck im Staubfänger bei der Marina-Bar an der Uferstrasse in 20 Tagen 94 Mikrogramm Lindan- und Lindan-Abfallstaub nieder. Dies bei einer Distanz zum Novartis-Sanierungsgelände in Huningue von rund 450 Metern. Auf einer Fensterbank im zweiten Stock eines Wohnhauses am Altrheinweg im Kleinbasler Stadteil Klybeck hat Forter in 21 Tagen einen Gift-Niederschlag von 20 Mikrogramm pro Quadratmeter gemessen (vgl. Grafik).

Novartis kontaminiert die Basler Luft grossräumig

Doch damit nicht genug: Novartis kontaminiert die Basler Luft grossräumig. Dies zeigt eine Staubfalle, die Forter im Zentrum der Stadt Basel bei der Mittleren Brücke aufgestellt hat. Auch darin fand das Labor abl analytics in Neuenburg zwei Mikrogramm Lindanabfall-Staub pro Quadratmeter. Dies, obwohl die Distanz zum Sanierungsgelände von Novartis in Huningue über 1’900 Meter beträgt. «Staubaustritte zu verhindern ist in der Regel technisch gut machbar. Darum sind die Austritte von Giftstaub in Huningue für Novartis so peinlich», sagt Martin Forter.

Was geschieht beim Einatmen der Giftstäube?

Lindan und Lindanabfall (HCH) sind sehr giftig. Sie werden über den Mund (verschlucken, via Nahrung), die Atemluft und durch die Haut aufgenommen. Sie reichern sich vor allem im Fett an und gelangen u.a. via die Muttermilch stillender Mütter in den sensiblen Organismus des Säuglings. Deshalb ist die Herstellung und der Vertrieb von Lindan in Europa seit langem und per UNO-Konvention seit 2010 verboten (vgl. Kasten unten).

Lindan und Lindan-Abfall: Das Gift Hexachlorcyclohexan (HCH) und seine Wirkung

MFo Hexachlorcyclohexan (HCH, C6H6Cl6) ist ein gelblich-weisses Pulver. Es besteht aus verschiedenen, sogenannten Isomeren (z.B. alpha-, beta-, delta-, epsilon- und gamma-HCH). Das gamma-Isomer – auch Lindan genannt – hat als einziges die Eigenschaft, Insekten zu töten. Doch bei der Produktion entstehen nur 20% Lindan. Die restlichen 80% bilden den HCH-Abfall. Er stinkt sehr stark. Jedes der HCH-Isomere hat unterschiedliche physikalische und chemische Eigenschaften und damit auch andere toxikologische Wirkung auf Mensch und Tier. Diese lässt sich wie folgt verallgemeinern:

Anreicherung über die Nahrungskette/Muttermilch:

Die verschiedenen Isomere des Hexachlorcyclohexans (HCH) reichern sich im tierischen und menschlichen Körper an, vor allem im Fettgewebe, im Blut, der Leber und der Niere. Frauen scheiden HCH auch über die Muttermilch wieder aus und geben es so an den Säugling weiter . Am meisten reichert sich der beta-Isomer des HCHs an.

Toxizität:

Allergien, Hautreizungen, Erbrechen, Muskelkrämpfe, Zittern, Schlaflosigkeit, Schädigung des Zentralnervensystems, Fehlgeburten oder Frühgeburten, teils neurologische Ausfälle.

Krebs:

Beim Tier gelten die Isomere des HCH als krebsfördernd. Die Internationale Krebsagentur (IARC) stuft alpha-, beta- und gamma-HCH (= Lindan) als beim Menschen möglicherweise krebsfördernd ein (Stufe 2b). Lindan wird u.a. mit Leber- und Brustkrebs in Verbindung gebracht.

Hormonaktivität:

Die Europäische Union (EU) klassiert alle Isomere des HCH als hormonaktiv (Kategorie I). Das heisst: HCH wirkt im tierischen und menschlichen Organismus wie ein Hormon und bringt – vereinfacht gesagt – den Hormonhaushalt durcheinander. Dies kann die Fortpflanzung beeinträchtigen.

HCH gilt als Bienen-, Vogel- und Fischgift.

HCH und auch das Insektizid Lindan sind in den Industrieländern seit langem verboten

Was aber geschieht, wenn Lindan und Lindanabfall eingeatmet werden? Eine Antwort darauf zu geben ist schwierig, da Inhalations-Studien weitgehend fehlen, wie die «Stockholm Konvention über persistente, oranische Schadstoffe» (POPs-Konvention) der UNO und das US-Gesundheitsministerium übereinstimmend festhalten.1

Giftstaub ist gefährlich

Dazu John Vijgen, Direktor der «International HCH & Pesticides Association» (IHPA) in Dänemark, der selber Erfahrung in der Altlastensanierung hat: «Auch wenn Studien über das Einatmen solcher Stäube weitgehend fehlen: Die Aufnahme von Lindan und Lindan-Abfall-Staub über die Lunge ist aus toxikologischer Sicht gefährlich. Bei Sanierungsarbeiten sollte der Austritt dieser Stäube sofort unterbunden werden.»

«Es ist ein Skandal, dass es von demselben Gelände in Hunigue erneut zu einer Kontamination der Region mit Lindan und Lindanabfall kommt», sagt auch Martin Schüpbach.

Kuhmilch vernichtet und Empfehlung, nicht zu stillen

Schüpbach hat sich in seiner Funktion als Kantonschemiker des Kantons Basel-Stadt 1972 öffentlich gegen den Lindan-Abfall gewehrt, den der Wind schon damals aus Huningue (F) in die Region verfrachtete – mit massiven Folgen: «Wir mussten u.a. im Bäumlihof, in Riehen und in Bettingen die Kuhmilch vernichten lassen, weil sie so belastet war», erinnert sich Schüpbach. Er und die deutschen Behörden haben Mütter sogar dazu aufgefordert, das Stillen von Säuglingen abzubrechen. Auch Schüpbach ist damals wie heute der Ansicht, die Staubemissionen müssten sofort gestoppt werden.

Trinkwasserfassungen «Lange Erlen» erneut gefährdet

Zu Beginn der 1970er-Jahre trug der Wind den Giftstaub aus Huningue insbesondere auch in die «Lange Erlen», wie Berichte von damals zeigen. Von dort bezieht die Stadt Basel einen grossen Teil ihres Trinkwassers. Deshalb ist davon auszugehen, dass auch heute Lindan und Lindan-Abfall-Staub in das Trinkwassergebiet gelangt sind bzw. noch immer dorhin verfrachtet werden.

Sofortiger Baustopp gefordert

Die Basler Grossrätin Heidi Mück (Basta) und der SP-Grossrat Daniel Goepfert fordern von Novartis einen sofortigen Baustopp bis der Konzern garantieren kann, dass es bei den Arbeiten nicht mehr zu Staubaustritten kommt. Mück, die im Unteren Kleinbasel wohnt: «Die Menschen in meinem Quartier wollen diesen Giftstaub nicht einatmen.» Und der SP-Grossrat Daniel Goepfert ergänzt: «Solcher Giftstaub in der Basler Luft ist nicht akzeptabel.»

Martin Forter

Kontakt:

Dr. Martin Forter, Geograf und Altlastenexperte, Basel
Heidi Mück, Grossrätin Basta
Daniel Goepfert, Grossrat SP
John Vijgen, Direktor der «International HCH & Pesticides Association» (IHPA), Dänemark
061 691 55 83
078 717 34 62
079 303 78 03
0045 4 541 03 21

 

Bildmaterial (klicken zum vergrössern)

Karte von 1972 Niederschlag von Lindan- und Lindan-Abfall-Staub in Basel von Mitte August bis Anfangs September 2013 (Analyseergebnisse Martin Forter). Karte von 1972 Niederschläge von Lindan- und Lindan-Abfallstaub von August bis Dezember 1972, erfasst vom Kantonalen Laboratorium Basel-Stadt. Die konkreten Messresultate von damals finden Sie HIER Bild einer Staubfalle Staubfalle Nr. 1 von Martin Forter an der Uferstrasse in Basel. Im Hintergrund die Quelle für den Giftstaub, das Sanierungsgelände der Novartis in Huningue (F). Foto: Harald Friedl Karte mit MessresultatenQuelle des Giftstaubs in der Basler Luft - Sanierungsgelände von Novartis in Huningue (F) - Foto Dave Joss

 

Weiteres zum Thema

1 U.S Department of Health and Human Services, Public Health Service Agency for Toxic Substances and Disease Registry: Toxicological profile for alpha-, beta, gamma- and delta Hexachlorcycloheaxane, 8.2005; Stockholm Convention on Persistent Organic Pollutants, Persistent Organic Pollutants Review Committee (POPRC): Draft risk profile for alpha-Hexachlorocyclohexane, 5.2007; Draft risk profile for beta-Hexachlorocyclohexane, 5.2007.