MARTIN FORTER - GEOGRAF UND ALTLASTENEXPERTE

+++ 16. April 2014 +++

Giftiger Lindanabfall in Huningue

Bis der Wind die Zelte verweht?

UK 2013-10-26 18h33 loDas Lindanabfall-Gelände von Novartis in Huningue (F): Sita baut mit grossen Kränen Maschinen und Förderbänder ab.

Novartis und die Firma Sita Remidiation, die für den Konzern den Lindan-Abfall in Huningue ausgrub und dabei die Stadt mit Giftstaub überzog, haben sich überworfen. Jetzt baut Sita auf dem Gelände Maschinen ab. Wie es mit den Aushubarbeiten, weitergehen soll, ist unklar. Das birgt Risiken: Je länger die billigen Zelte stehen, desto grösser wird das Risiko, dass sie ein Sturm wegweht oder ein Gewitter die Giftgruben flutet. Deshalb fordert Forter Novartis auf, die Arbeiten unter verbesserten Sicherheitsbedingungen umgehend wieder aufzunehmen, wie die Sendung «Schweiz aktuell» des Schweizer Fernsehen SRF 1 heute berichtete.

Seit über einem halben Jahr stehen die Arbeiten zum Aushub des Lindanabfalls in Huningue (F) still. Der Basler Altlastenspezialist Martin Forter hatte nachgewiesen, dass Novartis bzw. Sita Remidiation mit den dilettantisch organisierten Grabungen die Stadt Basel mit giftigem Lindanabfall-Staub kontaminieren. Darauf stoppte Novartis die Arbeiten. Seitdem geht nichts mehr: «Sita baut die Maschinen ab», sagt eine Person aus dem Umfeld von Novartis. Letzteres ist auch via Webcam des Konzerns zu sehen: Auf dem Bild von gestern fehlen zahlreiche Förderbänder und Maschinen, die auf der Aufnahme vom 26. Oktober 2013 noch zu sehen sind.

Gefährliches Warten

Es war notwendig und konsequent, dass Novartis vor sechs Monaten die schlecht und gefährlich organisieren Aushubarbeiten gestoppt hat. Doch anstatt mit neuem Sicherheitskonzept später die Aushubarbeiten wieder aufzunehmen, verkommt der Baustopp nun zum langfristigen Provisorium. Das ist risikoreich. Denn: Je länger die Billigzelte über den geöffneten Giftgruben mit Lindanabfall stehen, desto eher weht sie ein Sturm weg. Das wäre gefährlich. Dann würde der Wind direkt in den Giftstaub blasen und ihn noch viel stärker über Basel bzw. die Gemeinde Huningue tragen als schon geschehen.

Zudem besteht das Risiko, dass z. B. Regenwasser die offenen Giftmulden flutet. Dies würde das Grundwasser verschmutzen und könnte den Rhein verunreinigen.

Arbeiten auf höherem Sicherheitsniveau sofort wieder aufnehmen

«Ob verwehte Zelte oder Wasser, das in die Giftgruben läuft: Beides gilt es zu verhindern. Deshalb fordere ich Novartis auf, die Aushubarbeiten in Huningue schleunigst auf höherem Sicherheitsniveau wieder aufzunehmen», verlangt Forter. Novartis habe ein halbes Jahr Zeit gehabt, neu und sicherer zu planen. «Es ist eigentlich keine besondere Kunst, eine solche Giftgrube sauber und ohne Giftstaubwolken auszuheben. Dass auch Novartis das kann, soll sie endlich beweisen – und damit die von den Billigzelten ausgehenden Gefahren von der Bevölkerung schleunigst abwenden.»

Keine Lehren gezogen

Die Industrie hat gemäss Forter aus dem Sanierungsdebakel in Huningue keine Lehren gezogen. Dies zeige das Konzept zur Teilsanierung der Chemiemülldeponie Feldreben in Muttenz (BL) u.a. von Novartis, BASF und Syngenta: «Bezüglich Sicherheit und Arbeitshygiene ist das Feldreben-Projekt auf ähnlich schlechtem Niveau wie das für den Lindanabfall von Novartis und Sita in Huningue es war. Die Stellungsnahme des Amts für Umweltschutz des Kantons Basel-Landschaft von heute betreffend Muttenz bestätigt dies», betont Forter.

Kontakt:

Martin Forter, Dr. Geograf und Altlastenexperte
061 691 55 83

 

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+++ 25. September 2013 +++

Giftiger Lindan- und Lindanabfallstaub in der Basler Luft

Messergebnisse zeigen: Novartis kontaminiert die Stadt grossflächig

Karte mit MessresultatenSeit Monaten tritt hier Giftstaub aus - Sanierungsgelände von Novartis in Huningue (F). Foto Dave Joss

Novartis lässt die Basler Bevölkerung gefährlichen Giftstaub atmen: Bis zu 94 Mikrogramm des verbotenen Insektizids Lindan sowie von Lindan-Abfallstaub gingen von Ende August bis Anfangs September 2013 im unteren Kleinbasel nieder. Der Staub, der als «giftig beim Einatmen» beurteilt wird, lag selbst bei der Mittleren Brücke im Zentrum Basels in der Luft. Dies zeigen die Analysen von Staubfängern, die der Altlastensspezialist Martin Forter an sechs Standorten in der Stadt Basel aufgestellt hatte. Das verbotene Gift in der Basler Luft stammt von einem Novartis-Sanierungsgelände in Huningue (F). Novartis aber will dort nur eine «Eindämmung der Staubemissionen» erreichen. Deshalb fordern die beiden GrossrätInnen Heidi Mück (Basta) und Daniel Goepfert (SP) von Novartis einen Baustopp. Denn die Giftstaub- Emissionen gefährden auch das Trinkwassergebiet in den «Lange Erlen».

Das Amt für Umweltschutz Basel-Stadt (AUE) Basel-Stadt und das Lufthygieneamt beider Basel (LHA) waren vom Novartis-Giftstaub aus Huningue (F) überrascht. Noch anfangs September liess AUE-Chef Jürg Hofer mitteilen: «Bis jetzt haben wir keine konkreten Hinweise auf Staubemissionen». Woher sollen sie auch kommen, die konkreten Hinweise, wenn es beide Ämter die letzten Monate verpasst haben, eine Kontrolle der Basler Luft auf Giftstaub aus Huningue durchzuführen? Darum verfügen die Behörden heute über keinerlei Messungen zur Belastung der Luft mit Lindan- und Lindan-Abfallstaub der letzten Wochen und Monate. Dieser Mangel hinderte das AUE allerdings nicht daran, Entwarnung zu geben. Dazu mussten zwar im Moment nicht relevante Bodenwerte herhalten. Aber der Trick wirkte. Am nächsten Tag titelte «20 Minuten» Basel prompt: «Giftgruben-Staub ist ungefährlich». Davon aber kann keine Rede sein, wie Messungen des Staubniederschlags des Basler Altlastenspezialisten Dr. Martin Forter zeigen, die er heute auf www.martinforter.ch veröffentlicht hat.

In 20 Tagen bis zu 96 Mikrogramm Giftstaub-Niederschlag pro Quadratmeter

Forter, der anfangs September auf mögliche Staubemmissionen von Novartis in Huningue hinwies, hat sechs Staubfänger aufgestellt. Damit hat er von Mitte August bis anfangs September den Lindan und Lindan-Abfall-Niederschlag aus der Basler Luft gemessen. So gingen im Basler Quartier Klybeck im Staubfänger bei der Marina-Bar an der Uferstrasse in 20 Tagen 94 Mikrogramm Lindan- und Lindan-Abfallstaub nieder. Dies bei einer Distanz zum Novartis-Sanierungsgelände in Huningue von rund 450 Metern. Auf einer Fensterbank im zweiten Stock eines Wohnhauses am Altrheinweg im Kleinbasler Stadteil Klybeck hat Forter in 21 Tagen einen Gift-Niederschlag von 20 Mikrogramm pro Quadratmeter gemessen (vgl. Grafik).

Novartis kontaminiert die Basler Luft grossräumig

Doch damit nicht genug: Novartis kontaminiert die Basler Luft grossräumig. Dies zeigt eine Staubfalle, die Forter im Zentrum der Stadt Basel bei der Mittleren Brücke aufgestellt hat. Auch darin fand das Labor abl analytics in Neuenburg zwei Mikrogramm Lindanabfall-Staub pro Quadratmeter. Dies, obwohl die Distanz zum Sanierungsgelände von Novartis in Huningue über 1’900 Meter beträgt. «Staubaustritte zu verhindern ist in der Regel technisch gut machbar. Darum sind die Austritte von Giftstaub in Huningue für Novartis so peinlich», sagt Martin Forter.

Was geschieht beim Einatmen der Giftstäube?

Lindan und Lindanabfall (HCH) sind sehr giftig. Sie werden über den Mund (verschlucken, via Nahrung), die Atemluft und durch die Haut aufgenommen. Sie reichern sich vor allem im Fett an und gelangen u.a. via die Muttermilch stillender Mütter in den sensiblen Organismus des Säuglings. Deshalb ist die Herstellung und der Vertrieb von Lindan in Europa seit langem und per UNO-Konvention seit 2010 verboten (vgl. Kasten unten).

Lindan und Lindan-Abfall: Das Gift Hexachlorcyclohexan (HCH) und seine Wirkung

MFo Hexachlorcyclohexan (HCH, C6H6Cl6) ist ein gelblich-weisses Pulver. Es besteht aus verschiedenen, sogenannten Isomeren (z.B. alpha-, beta-, delta-, epsilon- und gamma-HCH). Das gamma-Isomer – auch Lindan genannt – hat als einziges die Eigenschaft, Insekten zu töten. Doch bei der Produktion entstehen nur 20% Lindan. Die restlichen 80% bilden den HCH-Abfall. Er stinkt sehr stark. Jedes der HCH-Isomere hat unterschiedliche physikalische und chemische Eigenschaften und damit auch andere toxikologische Wirkung auf Mensch und Tier. Diese lässt sich wie folgt verallgemeinern:

Anreicherung über die Nahrungskette/Muttermilch:

Die verschiedenen Isomere des Hexachlorcyclohexans (HCH) reichern sich im tierischen und menschlichen Körper an, vor allem im Fettgewebe, im Blut, der Leber und der Niere. Frauen scheiden HCH auch über die Muttermilch wieder aus und geben es so an den Säugling weiter . Am meisten reichert sich der beta-Isomer des HCHs an.

Toxizität:

Allergien, Hautreizungen, Erbrechen, Muskelkrämpfe, Zittern, Schlaflosigkeit, Schädigung des Zentralnervensystems, Fehlgeburten oder Frühgeburten, teils neurologische Ausfälle.

Krebs:

Beim Tier gelten die Isomere des HCH als krebsfördernd. Die Internationale Krebsagentur (IARC) stuft alpha-, beta- und gamma-HCH (= Lindan) als beim Menschen möglicherweise krebsfördernd ein (Stufe 2b). Lindan wird u.a. mit Leber- und Brustkrebs in Verbindung gebracht.

Hormonaktivität:

Die Europäische Union (EU) klassiert alle Isomere des HCH als hormonaktiv (Kategorie I). Das heisst: HCH wirkt im tierischen und menschlichen Organismus wie ein Hormon und bringt – vereinfacht gesagt – den Hormonhaushalt durcheinander. Dies kann die Fortpflanzung beeinträchtigen.

HCH gilt als Bienen-, Vogel- und Fischgift.

HCH und auch das Insektizid Lindan sind in den Industrieländern seit langem verboten

Was aber geschieht, wenn Lindan und Lindanabfall eingeatmet werden? Eine Antwort darauf zu geben ist schwierig, da Inhalations-Studien weitgehend fehlen, wie die «Stockholm Konvention über persistente, oranische Schadstoffe» (POPs-Konvention) der UNO und das US-Gesundheitsministerium übereinstimmend festhalten.1

Giftstaub ist gefährlich

Dazu John Vijgen, Direktor der «International HCH & Pesticides Association» (IHPA) in Dänemark, der selber Erfahrung in der Altlastensanierung hat: «Auch wenn Studien über das Einatmen solcher Stäube weitgehend fehlen: Die Aufnahme von Lindan und Lindan-Abfall-Staub über die Lunge ist aus toxikologischer Sicht gefährlich. Bei Sanierungsarbeiten sollte der Austritt dieser Stäube sofort unterbunden werden.»

«Es ist ein Skandal, dass es von demselben Gelände in Hunigue erneut zu einer Kontamination der Region mit Lindan und Lindanabfall kommt», sagt auch Martin Schüpbach.

Kuhmilch vernichtet und Empfehlung, nicht zu stillen

Schüpbach hat sich in seiner Funktion als Kantonschemiker des Kantons Basel-Stadt 1972 öffentlich gegen den Lindan-Abfall gewehrt, den der Wind schon damals aus Huningue (F) in die Region verfrachtete – mit massiven Folgen: «Wir mussten u.a. im Bäumlihof, in Riehen und in Bettingen die Kuhmilch vernichten lassen, weil sie so belastet war», erinnert sich Schüpbach. Er und die deutschen Behörden haben Mütter sogar dazu aufgefordert, das Stillen von Säuglingen abzubrechen. Auch Schüpbach ist damals wie heute der Ansicht, die Staubemissionen müssten sofort gestoppt werden.

Trinkwasserfassungen «Lange Erlen» erneut gefährdet

Zu Beginn der 1970er-Jahre trug der Wind den Giftstaub aus Huningue insbesondere auch in die «Lange Erlen», wie Berichte von damals zeigen. Von dort bezieht die Stadt Basel einen grossen Teil ihres Trinkwassers. Deshalb ist davon auszugehen, dass auch heute Lindan und Lindan-Abfall-Staub in das Trinkwassergebiet gelangt sind bzw. noch immer dorhin verfrachtet werden.

Sofortiger Baustopp gefordert

Die Basler Grossrätin Heidi Mück (Basta) und der SP-Grossrat Daniel Goepfert fordern von Novartis einen sofortigen Baustopp bis der Konzern garantieren kann, dass es bei den Arbeiten nicht mehr zu Staubaustritten kommt. Mück, die im Unteren Kleinbasel wohnt: «Die Menschen in meinem Quartier wollen diesen Giftstaub nicht einatmen.» Und der SP-Grossrat Daniel Goepfert ergänzt: «Solcher Giftstaub in der Basler Luft ist nicht akzeptabel.»

Martin Forter

Kontakt:

Dr. Martin Forter, Geograf und Altlastenexperte, Basel
Heidi Mück, Grossrätin Basta
Daniel Goepfert, Grossrat SP
John Vijgen, Direktor der «International HCH & Pesticides Association» (IHPA), Dänemark
061 691 55 83
078 717 34 62
079 303 78 03
0045 4 541 03 21

 

Bildmaterial (klicken zum vergrössern)

Karte von 1972 Niederschlag von Lindan- und Lindan-Abfall-Staub in Basel von Mitte August bis Anfangs September 2013 (Analyseergebnisse Martin Forter). Karte von 1972 Niederschläge von Lindan- und Lindan-Abfallstaub von August bis Dezember 1972, erfasst vom Kantonalen Laboratorium Basel-Stadt. Die konkreten Messresultate von damals finden Sie HIER Bild einer Staubfalle Staubfalle Nr. 1 von Martin Forter an der Uferstrasse in Basel. Im Hintergrund die Quelle für den Giftstaub, das Sanierungsgelände der Novartis in Huningue (F). Foto: Harald Friedl Karte mit MessresultatenQuelle des Giftstaubs in der Basler Luft - Sanierungsgelände von Novartis in Huningue (F) - Foto Dave Joss

 

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1 U.S Department of Health and Human Services, Public Health Service Agency for Toxic Substances and Disease Registry: Toxicological profile for alpha-, beta, gamma- and delta Hexachlorcycloheaxane, 8.2005; Stockholm Convention on Persistent Organic Pollutants, Persistent Organic Pollutants Review Committee (POPRC): Draft risk profile for alpha-Hexachlorocyclohexane, 5.2007; Draft risk profile for beta-Hexachlorocyclohexane, 5.2007.

 

+++ 16. September 2013 +++

Medienmitteilung vom 16. September 2013

Lindan-Abfallstaub in der Basler Luft nachgewiesen

Die Gefahr liegt beim Einatmen

Situations-FotoQuelle des Giftstaubs in der Basler Luft: Die Zelte von Novartis in Huningue (F). Foto: Dave Joss

In der Basler Luft liegt hochgiftiger Lindan-Abfall-Staub (chemisch: HCH). Dies gab heute das Amt für Umweltschutz des Kantons Basel-Stadt (AUE) bekannt. Damit bestätigt das AUE, was der Basler Altlastenexperte Martin Forter vor zehn Tagen publik gemacht hat: Flattern die günstigen Sanierungs-Zelte von Novartis in Huningue (F) im Wind, so stinkt es nicht nur im Kleinbasel, sondern es besteht auch das Risiko, dass der Wind Lindan-Abfall-Staub verfrachtet. Erst nach diesem Warnhinweis begann Basel-Stadt zu messen und hat jetzt Niederschläge von Lindan-Abfall nachgewiesen. Am gefährlichsten ist aber, wovon das AUE nichts schreibt: Das Risiko liegt in der Luft, wenn die Menschen den Lindan-Abfall-Staub einatmen.

Es stinkt im Kleinbasel nach Lindan-Abfall. Und es besteht die Gefahr, dass der Wind Lindan-Abfall-Staub verfrachtet, wenn er durch die günstigen Novartis-Zelte über den Gift-Gruben in Huningue zieht. Dies liess der Basler Altlastenexperte Martin Forter vor zehn Tagen verlauten. Jürg Hofer, Chef des Amts für Umweltschutz des Kantons Basel-Stadt sagte damals gegenüber Onlinereports dazu: «Wenn wir einen Staub-Niederschlag haben, wird es heiklel.» Danach begann die Behörde zu messen. Jetzt ist es «heikel». Denn heute gab sein Amt bekannt, dass es solche hochgiftigen Staubniederschläge auf Basler Boden gemessen hat.

Und das Einatmen?

Den heikelsten Punkt aber erwähnt die Basler Umweltbehörde nicht einmal: Da es nachweislich Staubniederschläge aus Lindan-Abfall gibt, muss dieser Staub auch in der Luft liegen. Somit atmen ihn die Menschen ein. Welche Konsequenzen hat es, wenn die Menschen in den Basler Quartieren St. Johann, Kleinhüningen und Klybeck sowie in der französischen Grenzgemeinde Huningue Spuren von hochgiftigem Lindan-Abfall-Staub einatmen? Dazu schreibt das AUE nichts.

Günstige Novartis-Flatterzelte nicht auch Gift-Staub-Quelle?

Anstatt den gefährlichen Staub in der Basler Luft zu erwähnen, nehmen die Basler Behörden in ihrer Medienmitteilung Novartis in Schutz: Die Basler Ämter und die zuständige französische Behörde DREAL seien sich einig, dass die Stäube «kaum aus den Novartis-Zelten entweichen» würden, in denen die Aushubarbeiten stattfinden. Die Quelle liege eher beim Verlad von relativ schwach kontaminiertem Material auf Schiffe, deren Laderaum während des Verladevorgangs offen ist, wie der Autor ebenfalls vor 10 Tagen publik machte. Diese Einschätzung der beiden Behörden ist angesichts der flatternden und sich bei Wind aufblähenden Novartis-Zelte, wie sie Videos zeigen, eine gewagte Behauptung. Denn klar ist: Würde Novartis den Lindan-Abfall in Huningue unter teure Hallen anstatt günstigen Zelten ausgraben, würde in Basel kein hochgiftiger Lindan-Abfall-Staub eingeatmet bzw. niedergehen und es würde im Kleinbasel nicht nach Lindan-Abfall stinken. Müffeln tut es im Kleinbasel übrigens auch nachts, wenn kein Schiff beladen wird, aber in Huningue die Novartis-Zelte im Winde flattern.

Dritte Lindan-Abfall-Verseuchung der Region durch Novartis sofort stoppen

Es ist nun also das dritte Mal, das der Lindan-Abfall in Huningue Teile der Region Basel kontaminiert. Dass es Novartis bei diesen an und für sich positiven Arbeiten soweit kommen liess, zeugt von einer riskanten Fehleinschätzung. Vom Pharmakonzern darf erwartet werden, dass er den Austritt von hochgiftigem Lindan-Abfall-Staub in Huningue zum Schutze der Basler und Elsässer Bevölkerung sofort stoppt.

Martin Forter

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+++ 5. September 2013 +++

Medienmitteilung vom 5. September 2013

Lindan-Abfall-Aushub in Huningue (F):

Novartis-Gestank im Unteren Kleinbasel

Foto mit Bergen von Giftabfall Das Ugine-Kuhlmann Gelände in Huningue (F) am 2.11.1972. Die weissen Berge bestehen hochgiftigem Lindan-Abfall. Foto: Unbekannt

Seit Monaten stinkt es im Kleinbasel zwischen Dreirosenbrücke und Rheinhafen immer wieder penetrant. Die Ursache liegt auf der anderen Rheinseite in Huningue (F). Dort gräbt Novartis seit Juli 2013 hochgiftigen Lindan-Abfall aus. Zwar stehen die Zelte über der Giftgrube unter Unterdruck, um Gestanks- und Gift-Austritte zu verhindern. Aber: Bei Wind flattern die Wände und die Zelte blähen sie sich zum Teil auf, wie von Martin Forter heute veröffentlichte Videos zeigen. Geschieht dies, dann stinkt es in der Regel im Kleinbasel heftig. Dann besteht auch das Risiko, dass der Wind hochgiftigen Lindan-Abfall-Staub in den Zelten aufwirbelt und ins Kleinbasel verfrachtet. Gestank und die Gefahr von Giftstaub-Emissionen hätte Novartis wohl mit teuren Hallen anstatt günstigen Zelten verhindern können.

Es ist positiv, dass Novartis die Tausenden von Tonnen des hochgiftigen Lindan-Abfalls (chemisch: HCH) in Huningue (F) ausgräbt. Wie sie dies allerdings in Zusammenarbeit mit der Firma Sita-Remediation tut, ist weniger erfreulich: Seit dem Beginn der links-rheinischen Gift-Grabungen im Juli 2013 stinkt es rechtsrheinisch im Unteren Kleinbasel (Quartiere Klybeck und Kleinhünigen) immer wieder penetrant nach Lindan-Abfall. Schon vor Wochen hat der Autor Novartis über den unverkennbaren Gestank im Kleinbasel informiert. Gleiches taten Anwohner gegenüber dem Lufthygieneamt beider Basel. Doch geschehen ist nichts. Noch immer stinkt es im Unteren Kleinbasel heftig nach Lindan-Abfall. So etwa am letzten Samstag in der Klybeckstrasse. Ein Anwohner: «Es hat extrem modrig und ‚niechtelnd’ gestunken, wie seit Monaten immer wieder». Daraufhin hat er die Alarmzentrale von Novartis angerufen. Die Mitarbeiter des Pharmakonzerns bestätigten den Geruch, wie es Novartis auch schon vor Wochen gegenüber dem Autor getan hat. Doch geändert hat sich nichts.

Günstige Zelte anstatt teure Hallen

Den Gestank zu beseitigen dürfte für den Pharmakonzern zum jetztigen Zeitpunkt nicht einfach sein. Anstatt teure und riesige Hallen wie im jurassischen Bonfol (JU) oder in Kölliken (AG) zu bauen (vgl. Foto), liess Novartis in Huningue grosse günstige Zelte über den Gift-Gruben errichten, um sie auszugraben. Zwar soll auch in den Zelten ein künstlich erzeugter Unterdruck Gestanks- und Gift-Austritte verhindern. Aber: Bei Wind flattern die Zeltwände teils stark und ab und zu blähen sich Zelte auf, wie mehrere Videos dokumentieren, die der Basler Altlastenexperte Martin Forter heute veröffentlicht hat. Bläst der Wind in die Zelte, beginnt es im Kleinbasel meistens zu stinken. Dazu ein erfahrener Deponie-Sanierer, der anonym bleiben will: «Diese Erfahrung, dass der Wind den Unterdruck in Zelten aufhebt und es zu Emissionen kommt, habe ich vor Jahren auch schon selber gemacht. Das Problem müsste also auch Novartis bekannt sein.» Fotograf Dave Joss filmte den Verlad auf Schiff (vgl. Video): «Die Schiffsbunker waren vollständig offen und es kam eine Gestankswolke über den Rhein», berichtet er. Aufgewirbelter Staub sei während des Verlads aber keiner Sichtbar gewesen.

Gefährlicher Lindan-Abfall-Staub

Der Gestank ist sehr unangenehm. Gefährlich aber ist der Lindan-Abfall-Staub. Er sollte keinesfalls aus den Zelten ausgetragen werden. Diese Gefahr besteht aber, wenn der Wind in die Novartis-Zelte in Huningue bläst. Dann existiert das Risiko, dass hochgiftiger Lindan-Abfall-Staub aufgewirbelt und mit dem Wind z.B. in’s Kleinbasel verfrachtet wird. Das ist problematisch. Denn: Das seit langem verbotene Insektizid Lindan und der bei der Produktion entstehende Abfall gelten als Substanzen, die im Menschen wie Hormone wirken. Sie reichern sich zudem im Fettgewebe von Mensch und Tier an. Per Muttermilch werden diese Substanzen später an den Säugling weiter gegeben. Diese Stoffe stehen ausserdem im Verdacht, Krebs auszulösen.

Vergiftete Kuhmilch und nicht mehr stillen

Lindan-Abfallstaub aus Huningue hat in der Vergangenheit schon zwei Mal die Region kontaminiert: Die Firma Ugine-Kuhlmann, die in dort bis 1974 Lindan herstellte, lagerte zu Beginn der 1970er-Jahre tonnenweise Lindanabfall als grosse weisse Haufen offen und unverpackt unter freiem Himmel auf ihrem Fabrikareal (vgl. Foto). Der Wind verwehte den Gift-Staub über die Grenzen in die Region. In Riehen (CH), Weil-am-Rhein, Haltingen und Merkt (D) durfte die Kuhmilch nicht mehr getrunken werden, weil sie so stark mit Lindan und Lindan-Abfall kontaminiert war. Seitdem gibt es in Weil-am-Rhein (D) keine Kühe mehr. Sie wurden damals alle notgeschlachtet. In einigen Deutschen Grenzgemeinden forderten damals die Behörden zudem die Mütter auf, ihre Säuglinge nicht mehr zu stillen.

Mit Beton vermischt und vergraben

Unter Druck geraten, begann Ugine-Kuhlmann um 1972 auf ihrem Gelände ein Loch auszugraben. Der Kies, den sie dabei aus dem Boden holte, war mit Lindan-Abfall kontaminiert. Er findet sich heute teilweise auf Feldwegen in Hagenthal-leBas und Hagenthal-le-Haut (F). Die ausgehobene Grube auf dem Fabrikgelände in Huningue füllte Ugine-Kuhlmann danach ohne Bewilligung mit einem Gemisch aus Beton und Lindan-Abfall auf – auch noch, nachdem die Basler Chemiefirma Sandoz das Kuhlmann-Gelände gekauft hatte, um darauf ihre Kläranlage namens STEIH zu bauen. Ob der Beton den Lindan-Abfall bindet, wurde zu Beginn der 1970er-Jahre auf einem Feldweg beim Klepferhof in Hagenthal-le-Bas (F) getestet. Obwohl die französischen Behörden seit 40 Jahren vom Gift unter freiem Himmel in Hagenthal wissen, liegt es noch immer auf dem Feldweg.

Lindan-Abfall-Emissionen beim Bau der Sandoz-Kläranlage

1978 beginnt Sandoz auf dem ehemaligen Ugine-Kuhlmann-Areal mit den Aushubarbeiten für den Bau ihrer Kläranalge STEIH. Im April 1978 schreibt der Basler Kantonschemiker Martin Schüpbach der Sandoz AG Basel: Der Niederschlag von Lindan-Abfallstaub aus der Luft habe beim heute nicht mehr existierende Zollamt Hüningerstrasse «wieder das gleiche, sehr hohe Mass erreicht» wie zu Beginn der 1970er-Jahre, als die Kuhmilch nicht mehr getrunken werden durfte. Das Kantonale Laboratorium verfolge deshalb 1978 die Aushubarbeiten auf dem Gelände mit Besorgnis. Es bestehe erneut die Gefahr, dass der Wind Lindan-Abfall in die Region verfrachte.

Durch Fusion heute Besitz von Novartis

Sandoz fusioniert 1996 mit Ciba-Geigy zu Novartis. Deshalb gehört ihr heute die Kläranlage STEIH grösstenteils, die Sandoz auf HCH-Abfall gebaut hatte. Da Novartis sie nicht mehr braucht, reisst sie diese ab, gräbt den Lindan-Abfall aus und vernichtet ihn in Sondermüllanlagen. Von Novartis darf erwartet werden, dass der Gestank im Kleinbasel aufhört und diese an sich positiven Arbeiten nicht zu einer dritten Kontamination der Umgebung mit Lindan-Abfall führen.

Martin Forter

Video 1
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Flatternde Zelte

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