MARTIN FORTER - GEOGRAF UND ALTLASTENEXPERTE

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+++ 5. September 2013 +++

Medienmitteilung vom 5. September 2013

Lindan-Abfall-Aushub in Huningue (F):

Novartis-Gestank im Unteren Kleinbasel

Foto mit Bergen von Giftabfall Das Ugine-Kuhlmann Gelände in Huningue (F) am 2.11.1972. Die weissen Berge bestehen hochgiftigem Lindan-Abfall. Foto: Unbekannt

Seit Monaten stinkt es im Kleinbasel zwischen Dreirosenbrücke und Rheinhafen immer wieder penetrant. Die Ursache liegt auf der anderen Rheinseite in Huningue (F). Dort gräbt Novartis seit Juli 2013 hochgiftigen Lindan-Abfall aus. Zwar stehen die Zelte über der Giftgrube unter Unterdruck, um Gestanks- und Gift-Austritte zu verhindern. Aber: Bei Wind flattern die Wände und die Zelte blähen sie sich zum Teil auf, wie von Martin Forter heute veröffentlichte Videos zeigen. Geschieht dies, dann stinkt es in der Regel im Kleinbasel heftig. Dann besteht auch das Risiko, dass der Wind hochgiftigen Lindan-Abfall-Staub in den Zelten aufwirbelt und ins Kleinbasel verfrachtet. Gestank und die Gefahr von Giftstaub-Emissionen hätte Novartis wohl mit teuren Hallen anstatt günstigen Zelten verhindern können.

Es ist positiv, dass Novartis die Tausenden von Tonnen des hochgiftigen Lindan-Abfalls (chemisch: HCH) in Huningue (F) ausgräbt. Wie sie dies allerdings in Zusammenarbeit mit der Firma Sita-Remediation tut, ist weniger erfreulich: Seit dem Beginn der links-rheinischen Gift-Grabungen im Juli 2013 stinkt es rechtsrheinisch im Unteren Kleinbasel (Quartiere Klybeck und Kleinhünigen) immer wieder penetrant nach Lindan-Abfall. Schon vor Wochen hat der Autor Novartis über den unverkennbaren Gestank im Kleinbasel informiert. Gleiches taten Anwohner gegenüber dem Lufthygieneamt beider Basel. Doch geschehen ist nichts. Noch immer stinkt es im Unteren Kleinbasel heftig nach Lindan-Abfall. So etwa am letzten Samstag in der Klybeckstrasse. Ein Anwohner: «Es hat extrem modrig und ‚niechtelnd’ gestunken, wie seit Monaten immer wieder». Daraufhin hat er die Alarmzentrale von Novartis angerufen. Die Mitarbeiter des Pharmakonzerns bestätigten den Geruch, wie es Novartis auch schon vor Wochen gegenüber dem Autor getan hat. Doch geändert hat sich nichts.

Günstige Zelte anstatt teure Hallen

Den Gestank zu beseitigen dürfte für den Pharmakonzern zum jetztigen Zeitpunkt nicht einfach sein. Anstatt teure und riesige Hallen wie im jurassischen Bonfol (JU) oder in Kölliken (AG) zu bauen (vgl. Foto), liess Novartis in Huningue grosse günstige Zelte über den Gift-Gruben errichten, um sie auszugraben. Zwar soll auch in den Zelten ein künstlich erzeugter Unterdruck Gestanks- und Gift-Austritte verhindern. Aber: Bei Wind flattern die Zeltwände teils stark und ab und zu blähen sich Zelte auf, wie mehrere Videos dokumentieren, die der Basler Altlastenexperte Martin Forter heute veröffentlicht hat. Bläst der Wind in die Zelte, beginnt es im Kleinbasel meistens zu stinken. Dazu ein erfahrener Deponie-Sanierer, der anonym bleiben will: «Diese Erfahrung, dass der Wind den Unterdruck in Zelten aufhebt und es zu Emissionen kommt, habe ich vor Jahren auch schon selber gemacht. Das Problem müsste also auch Novartis bekannt sein.» Fotograf Dave Joss filmte den Verlad auf Schiff (vgl. Video): «Die Schiffsbunker waren vollständig offen und es kam eine Gestankswolke über den Rhein», berichtet er. Aufgewirbelter Staub sei während des Verlads aber keiner Sichtbar gewesen.

Gefährlicher Lindan-Abfall-Staub

Der Gestank ist sehr unangenehm. Gefährlich aber ist der Lindan-Abfall-Staub. Er sollte keinesfalls aus den Zelten ausgetragen werden. Diese Gefahr besteht aber, wenn der Wind in die Novartis-Zelte in Huningue bläst. Dann existiert das Risiko, dass hochgiftiger Lindan-Abfall-Staub aufgewirbelt und mit dem Wind z.B. in’s Kleinbasel verfrachtet wird. Das ist problematisch. Denn: Das seit langem verbotene Insektizid Lindan und der bei der Produktion entstehende Abfall gelten als Substanzen, die im Menschen wie Hormone wirken. Sie reichern sich zudem im Fettgewebe von Mensch und Tier an. Per Muttermilch werden diese Substanzen später an den Säugling weiter gegeben. Diese Stoffe stehen ausserdem im Verdacht, Krebs auszulösen.

Vergiftete Kuhmilch und nicht mehr stillen

Lindan-Abfallstaub aus Huningue hat in der Vergangenheit schon zwei Mal die Region kontaminiert: Die Firma Ugine-Kuhlmann, die in dort bis 1974 Lindan herstellte, lagerte zu Beginn der 1970er-Jahre tonnenweise Lindanabfall als grosse weisse Haufen offen und unverpackt unter freiem Himmel auf ihrem Fabrikareal (vgl. Foto). Der Wind verwehte den Gift-Staub über die Grenzen in die Region. In Riehen (CH), Weil-am-Rhein, Haltingen und Merkt (D) durfte die Kuhmilch nicht mehr getrunken werden, weil sie so stark mit Lindan und Lindan-Abfall kontaminiert war. Seitdem gibt es in Weil-am-Rhein (D) keine Kühe mehr. Sie wurden damals alle notgeschlachtet. In einigen Deutschen Grenzgemeinden forderten damals die Behörden zudem die Mütter auf, ihre Säuglinge nicht mehr zu stillen.

Mit Beton vermischt und vergraben

Unter Druck geraten, begann Ugine-Kuhlmann um 1972 auf ihrem Gelände ein Loch auszugraben. Der Kies, den sie dabei aus dem Boden holte, war mit Lindan-Abfall kontaminiert. Er findet sich heute teilweise auf Feldwegen in Hagenthal-leBas und Hagenthal-le-Haut (F). Die ausgehobene Grube auf dem Fabrikgelände in Huningue füllte Ugine-Kuhlmann danach ohne Bewilligung mit einem Gemisch aus Beton und Lindan-Abfall auf – auch noch, nachdem die Basler Chemiefirma Sandoz das Kuhlmann-Gelände gekauft hatte, um darauf ihre Kläranlage namens STEIH zu bauen. Ob der Beton den Lindan-Abfall bindet, wurde zu Beginn der 1970er-Jahre auf einem Feldweg beim Klepferhof in Hagenthal-le-Bas (F) getestet. Obwohl die französischen Behörden seit 40 Jahren vom Gift unter freiem Himmel in Hagenthal wissen, liegt es noch immer auf dem Feldweg.

Lindan-Abfall-Emissionen beim Bau der Sandoz-Kläranlage

1978 beginnt Sandoz auf dem ehemaligen Ugine-Kuhlmann-Areal mit den Aushubarbeiten für den Bau ihrer Kläranalge STEIH. Im April 1978 schreibt der Basler Kantonschemiker Martin Schüpbach der Sandoz AG Basel: Der Niederschlag von Lindan-Abfallstaub aus der Luft habe beim heute nicht mehr existierende Zollamt Hüningerstrasse «wieder das gleiche, sehr hohe Mass erreicht» wie zu Beginn der 1970er-Jahre, als die Kuhmilch nicht mehr getrunken werden durfte. Das Kantonale Laboratorium verfolge deshalb 1978 die Aushubarbeiten auf dem Gelände mit Besorgnis. Es bestehe erneut die Gefahr, dass der Wind Lindan-Abfall in die Region verfrachte.

Durch Fusion heute Besitz von Novartis

Sandoz fusioniert 1996 mit Ciba-Geigy zu Novartis. Deshalb gehört ihr heute die Kläranlage STEIH grösstenteils, die Sandoz auf HCH-Abfall gebaut hatte. Da Novartis sie nicht mehr braucht, reisst sie diese ab, gräbt den Lindan-Abfall aus und vernichtet ihn in Sondermüllanlagen. Von Novartis darf erwartet werden, dass der Gestank im Kleinbasel aufhört und diese an sich positiven Arbeiten nicht zu einer dritten Kontamination der Umgebung mit Lindan-Abfall führen.

Martin Forter

Video 1
Verlad
Flatternde Zelte

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